12.12.2020

Bergtour auf den Kebnekaise im Juli 2018

Der höchste Berg Schwedens ist eine Fleißaufgabe. Wer richtig fleißig ist, schafft es in weniger als 24 Stunden

Klassisch ist der Kebnekaise (oder wie wir ihn liebevoll nennen: Käpt'n Käse) eine 3-Tagestour: 19,5 km zur Fjällstation, wo die erste Übernachtung wartet. Danach 18 km und 1 900 Höhenmeter zum Gipfel und zurück zur Station, zweite Übernachtung. Die 19,5 km zurück zum Parkplatz nach Nikkaluokta stehen dann in der Regel am dritten Tag als Ausklang auf dem Programm. Diese Aufteilung hat zur Folge, dass auf dem Weg zur Fjällstation und zum Gipfel bei schönem Wetter ein rechter Andrang herrscht, weil alle ungefähr zur gleichen Zeit am gleichen Ort sind.

Wir werden dem entgehen, indem wir zu ungewöhnlicher Zeit starten und einen anderen Rhythmus einlegen. Wir wollen abends losgehen und die Tour auf nur zwei Tage aufteilen. Also verlassen wir Nikkaluokta um 21:30 Uhr bepackt mit Schlafsack, Isomatte, Kocher und Zelt. Das Wetter ist stabil und ohne jegliche Regenwahrscheinlichkeit angesagt. Hell ist es jetzt Anfang Juli ohnehin 24 Stunden am Tag. Auf geht’s!
Die erste Strecke zur Fjällstation ist sehr eben und mit frischen Beinen geht die Strecke in 4 ½ Stunden vorbei wie nichts. Je näher man der Station kommt, desto mehr Zelte stehen am Wegesrand. In der unmittelbaren Nachbarschaft ist dann eine „Bannmeile“ eingerichtet, sonst würde wohl auch direkt vor dem Hütteneingang noch ein Zelt stehen.

Während wir in den Alpen in den Hütten einfache Verhältnisse bei niedrigen Preisen gewohnt sind, gibt es hier nur eines von Beiden: Die einfachen Verhältnisse! Kein Wunder, dass die meisten im Zelt übernachten, ein Lager in der Hütte schlägt mit umgerechnet mehr als 70 € zu Buche. An der Station, wo trotz vorgerückter Stunde viel Betrieb herrscht, kochen wir also mit unserem Gaskocher im Freien einen Tee und nach einer Stunde Pause geht es gleich weiter. Wer gut mitgerechnet hat, weiß jetzt, dass es 3:00 Uhr in der Nacht ist.
Ungefähr einen Kilometer nach der Fjällstation hinterlegen wir unsere Campingausrüstung etwas abseits des Weges und jetzt geht es mit leichtem Gepäck weiter. Die bislang fehlenden Höhenmeter werden jetzt alle nachgeholt.

Es geht hinauf auf den Vierranvárri mit seinen 1 706 m, gut dass wir mitten in der Nacht am Berghang noch im Schatten unterwegs sind und so nicht so arg schwitzen müssen. Vom Gipfel aus ist der Blick über das Skandinavische Gebirge dann bereits gewaltig. Jetzt heißt es allerdings leider erst mal wieder Höhenmeter abgeben, man muss 200 m ins Kaffedalen absteigen, um dem höchsten Berg Schwedens an den Leib rücken zu können. Wir treffen unterwegs wie erwartet niemanden. Beim Gegenanstieg geht es durch Geröll- und Blockgelände, dann legt sich der Berg zurück und gibt den Blick auf das Schneefeld auf dem Gipfelplateau und die kühne Eisspitze des Südgipfels frei. Was für ein Anblick! Für die letzte steile und eisige Passage ziehen wir die Leichtsteigeisen an – sicher ist sicher – und stehen gegen 8:15 Uhr ganz alleine auf dem Gipfel.

Ein toller Ort, der einen atemberaubenden Rundumblick freigibt. Erst hier oben sieht man dann auch den vereisten Grat hinüber zum Nordgipfel. Dieser weitere Weg würde definitiv Eisausrüstung erfordern. Das Wetter ist klar, aber hier auf der Höhe sind es natürlich trotzdem nur 3° C, so dass unsere Pause, in der wir uns eine Gemüsebrühe kochen und zum Nachtisch eine Tafel Schokolade verdrücken, in der kleinen Biwakhütte unweit des Gipfels stattfindet. Die Hütte ist eine von drei Notherbergen in Gipfelnähe und bietet Schutz vor Wind und Wetter. Leider ist sie stark vermüllt, eigentlich unverständlich wie einem die Kraft ausgehen kann, seinen Krempel wieder vom Berg ins Tal zu tragen. Nach einer Stunde Pause machen wir uns bereit für den Abstieg.


Noch immer ist niemand auf dem Gipfelplateau zu sehen, erst auf dem Abstieg ins Kaffedalen sehen wir die ersten Frühaufsteher. Wir überschreiten wieder den Vierranvárri und haben schließlich keinen Aufstieg mehr vor der Nase. Auf dem weiteren Weg nach unten treffen wir immer mehr Wanderer und bei jeder zweiten Begegnung bekommen wir die Frage “Var du på toppen?” gestellt. Warst Du am Gipfel heißt das und mal mehr und mal weniger ausführlich beschreiben wir wie schön es oben ist und motivieren so die Zweifler. Es ist toll zu erleben, welche gute Laune der Berg bei allen Aspiranten verbreitet. Zur Mittagszeit haben wir die meisten Höhenmeter hinter uns und gegen 13:00 Uhr finden wir nach ein bisschen Suchen unsere Campingausrüstung wieder.

Wir dösen ein wenig in der Sonne und treffen dann die Entscheidung, an der wir in den nächsten Stunden zweifeln aber letztlich nicht verzweifeln werden: Der Käpt'n Käse ist eine Tagestour! Wozu jetzt noch ein Zelt aufbauen, wo wir doch noch fit und „fast wieder am Ausgangspunkt“ sind…
Jetzt mit der Campingausrüstung wieder auf den Schultern und bereits fast 40 km in den Beinen ist uns klar, dass das jetzt wohl eher eine harte Nuss wird. So kommt es auch, die Füße und Schultern schmerzen immer mehr und die Notwendigkeit von Pausen nimmt dramatisch zu. Dennoch: Wir lassen uns nicht dazu verleiten einen Helikopterflug von der Fjällstation zum Parkplatz (85 € pro Nase) oder ein Transportboot über einen Teil des Sees (35 € pro Nase) zu buchen. Das ziehen wir jetzt durch. Aber trotz dass wir auf die Zähne beißen müssen, bleiben auch lustige Momente nicht aus.

Bei einer Pause helfen wir zwei schwedischen Mädels, die zum Zeitvertreib auf ihrer Wanderung mitten in einem Wortspiel sind. Aktuell ist ein Fisch mit „A“ gesucht und wir werden gebeten mitzuhelfen. Das von uns vorgeschlagene deutsche Wort „Aal“ heißt im schwedischen „Ål“, die beiden diskutieren, ob das jetzt zählt oder das „Å“ als eigenständiger Buchstabe angesehen werden muss.Animiert von dieser Aktion erfinden wir unser eigenes Wortspiel, bei dem der jeweils andere immer ein Tier mit dem Anfangsbuchstaben des letzten Buchstabens des Vorgenannten nennen muss: Tiger – Reh – Heuschrecke – Esel… So vergeht Kilometer um Kilometer wobei unsere Geschwindigkeit natürlich immer mehr abnimmt. Völlig erschöpft kommen wir endlich um 21:00 Uhr in Nikkaluokta an. Danach zählen genau drei Dinge: Duschen, Essen, Schlafen. Von allem so viel wie möglich!

Fazit

57 km bei 1 900 Höhenmeter an einem Tag mit größtenteils schweren Gepäck sind schon eine Hausnummer. Dass so etwas geht wissen wir jetzt. Eine Empfehlung das nachzumachen geben wir ausdrücklich nicht…


Den Track zur Tour gibt es bei alltrails.


Die Bilder gibt es bei www.23hq.com oder ein paar direkt hier:

Bitte den Hinweis zu unseren Tourenberichten beachten!


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